Der Feind in meinem Kinderzimmer

Bürgermeister Westedt baut gerne und viel, ganz besonders gerne Kindergärten. Gerne präsentiert er sich als innovativer, tatkräftiger und fürsorglicher Bürgermeister. Seine Lieblingsworte sind „Kindergarten und Kinderbetreuung“.

Mit dem Verwalten hat er es nicht so. Das Tagesgeschäft ist mühselig, findet im Rathaus statt, so ganz ohne den Weihrauch, den die Öffentlichkeit verbreitet.

Dabei ist das Verwalten der eigentliche Dienst an den Bürgerinnen und Bürgern, denn ihnen zu dienen ist die erste Pflicht des Bürgermeisters.

In vorauseilendem Gehorsam auf die zu erwartenden Beschränkungen wegen der steigenden Infektionsraten schränkte die Verwaltung kurzerhand die Öffnungszeiten der städtischen Kinderbetreuungseinrichtungen ein, gegen die Bedürfnisse der Eltern, die auch Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt sind.

Ob der Bürgermeister daran mitwirkte, das blieb in der letzten Stadtverordnetenversammlung unklar.

Die Stadtverordnete Stephanie Kappen, angehörig der Fraktion Bündnis 90/Grüne, war als Stadtverordnete irritiert, und als berufstätige zweifache Mutter ersichtlich erbost.

Das Herbeiführen des Beschlusses sei nicht mit den Elternbeiräten der Kitas abgesprochen, geschweige deren Einwände und Bedenken gehört.

Plötzlich zeigte sich der Kindergartenbaumeister als politischer Feigling und hielt die zuständige Teamleiterin kurzerhand in den politischen Wind. Das macht Westedt ab und zu ganz gerne.

Uta Mondorf, zuständig in der Stadtverwaltung Hochheim für den Betrieb der Kindergärten und deren Ablauforganisation, daher für den schnöden Verwaltungsalltag, nicht das schillernde Bauen, wurde dabei durchaus zerzaust. Sie zeigte sich bemüht, den durch Fragen formulierten Vehemenz im Anliegen der Abgeordneten Kappen sich entgegenzustellen.

Dabei war Mondorf erkennbar uninformiert und schlecht vorbereitet, vielleicht sogar von den leitenden Kräften in den Kindertagesstätten falsch informiert. Sie vermochte weder den Gang des Beschlussverfahrens unter Einbeziehung der Eltern darzulegen noch die Beschränkung der Betreuungszeiten überzeugend begründen. Offen blieb daher die eigentlich bedeutsame Frage, ob die Elternbeiräte an der Beschränkung der Betreuungszeiten mitgewirkt, mindestens darüber informiert waren. Nach Aussage von Kappen bestreiten die Beiräte, zu der Frage gehört worden zu sein. Mondorf ihrerseits konnte das nicht entkräften.

Bezeichnend auch das Verhalten der übrigen Stadtverordneten. Reich an Lebensjahren, das ist der Altersdurchschnitt der Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung. Eigene Kindergartenkinder sind verblasste Geschichte und damals gab es noch das traditionelle Rollenbild in der Familie, das über nicht bestehende zeitliche Engpässe in der Betreuung immer hinweghalf. Das konkrete Betreuungsschicksal ihrer heute erwachsenen Töchter und Söhne und deren Kinder, ihren Enkeln, kennen sie vielfach nur von familieninternen Erzählungen. Nicht jedoch die praktischen Nöte, wie Mütter und Väter als in anderen Städten beschäftigte Vollzeitkräfte nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit in faktisch der halben Arbeitszeit zu erledigen haben. Demnächst brechen sie nach der Mittagspause bereits wieder auf,  um ihr Kind aus der Einrichtung abzuholen, die eigentlich geschaffen wurde, um Kinder zu betreuen.

Kappen blieb allein mit ihrer Empörung. Viele Eltern werden in den kommenden Wochen wieder auf sich gestellt sein und ihre Arbeitgeber um Nachsicht bitten müssen, wenn sie wieder einmal ihren Arbeitsvertrag nicht erfüllen können, weil Westedt lieber baut als die Behörde kreativ zu führen.

Für seine Bürgerinnen und Bürger da zu sein, ist so einfach. Sie im Stich zu lassen auch.

Stadtverordnete diskutieren in epischer Breite die Gebührenfreiheit und Gebührenminderungen in Kindertagesstätten in Hochheim, ausufernd und für den Moment nutzlos. Sie verstehen nicht, dass Kinderbetreuung wirklich wertvoll ist, wenn sie Dienst an den Eltern und den Kindern ist.

 

 

2 Gedanken zu „Der Feind in meinem Kinderzimmer

  • 31. Oktober 2020 um 0:47
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    Ein sehr uninformierter und einseitiger Artikel. „… Kind aus der Einrichtung abzuholen, die eigentlich geschaffen wurde, um Kinder zu betreuen.“ Falsch! Ein Kindergarten wurde nicht erschaffen, damit Kinder betreut werden und Eltern arbeiten gehen können. Eine Kita gibt es nicht für die Eltern, sondern für die Kinder. Sie sollen in ihrer Entwicklung begleitet (mit den Eltern) und gefördert werden. Lange Öffnungszeiten gibt es nur, um Eltern in Vollzeit zu unterstützen.
    Leider hat sich der Herr König auch keine Mühe gemacht, zu hinterfragen, warum Öffnungszeiten in der jetzigen Situation gekürzt werden. Da die Infektionszahlen steigen, sollten Kinder nicht gemischt werden, um die Gefahr einer Ansteckung möglichst klein zu halten. Die Aufsichtspflicht darf also niemals verletzt werden. Ergo muss IMMER Personal für jede Gruppe da sein. Leider gibt das der heutige Personalschlüssel nicht her (Personalmangel und ein „Dank“ an das Kifög). Damit also die Schützlinge immer einen Erzieher bzw. eine Erzieherin ihrer Gruppe haben und diese min. zu zweit sein müssen, können so die Öffnungszeiten natürlich nicht mehr gewährt werden. Logisch.
    Man kann es als Eltern auch so sehen, lieber ein paar weniger Stunden, als das Mischen der Kinder und am Ende die Schließung der Einrichtung, wenn es Coronafälle gibt. Im schlimmsten Fall dann in der eigenen Familie. Es ist verständlich, dass Eltern nicht gerade erfreut sind, aber 1. sind es schwierige Zeiten für ALLE und 2. darf niemals die Aufsichtspflicht der Kinder verletzt werden.

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    • 31. Oktober 2020 um 6:39
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      Der Kommentar von Frau Dehlinger vermag in der Sache nicht zu überzeugen. Eine Kolumne ist kein „Artikel“ sondern ein persönlicher Meinungsbeitrag. Mithin darf er subjektiv gefärbt sein und gibt situativ die Meinung des Kolumnisten wieder. Frau Dehlinger bringt sich in die Diskussion ein, das ist gut und notwendig. Aber sie verkennt, dass eine Pandemie und die Reduzierung der Öffnungszeiten nicht in einem zwingenden inneren Zusammenhang stehen. Freiflächen in Hochheim ermöglichen den Aufenthalt im Freien, ebenso die Tagesgestaltung. Die Pandemie „nötigt“ uns auf, unsere Welt außerhalb geschlossener Räume zu erkunden und erleben, risikomindernd für die Fachkräfte und die Kinder. Die Einschränkung der Öffnungszeiten stehen gegen ein fehlendes überzeugendes Konzept. Darüberhinaus liefert Frau Dehlinger die besten Argumente gegen eine Schließung selbst, wenn sie den pädagogischen Sinn und das Ziel der Kindertagesstätten betont.

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