Udo Jürgens im jazzigen Bigband-Sound

Jörg Seidel und die Jazz-Express Bigband gestalten das Lions-Benefizkonzert
(hn) Am Sonntag, den 23. März 2025 richtete der Lions Club Hochheim-Flörsheim sein zwölftes Frühjahrs-Benefizkonzert in Flörsheim aus. Die Schüler-Bigband des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums, die Jazz-Express Bigband und vor allem Jörg Seidel zogen die Zuschauer mit völlig ungewohnt klingenden Werken von Udo Jürgens in ihren Bann: „Die andere Seite“ von Udo Jürgens wurde präsentiert.
Gänzlich neuartige Interpretationen manch bekannter, aber auch vieler hierzulande weniger geläufiger Udo Jürgens-Kompositionen im Stile des Jazz bilden das Programm Jörg Seidels, das Joachim Refardt in den vergangenen zehn Jahren für den Bremerhavener Sänger, Bigband und Rhythmusgruppe arrangiert hatte. Gemeinsam ist so eine einzigartige Hommage an den Schlagerstar Udo Jürgens entstanden, die dessen Liebe zum Jazz und dessen entsprechenden Einflüsse auf die Frühwerke des Schlagerstars in den Mittelpunkt stellt.
Von Anekdoten und Legenden

Jörg Seidel konnte das Publikum nicht nur musikalisch begeistern, seine plaudernd eingestreuten Anekdoten und Legenden zum Entstehen der dargebrachten Werke wiesen ihn als profunden Kenner des Lebens und Wirkens von Udo Jürgens aus.
Foto: Lions Club Hochheim-Flörsheim, Holger Nicolay
Vor seinem eigenen musikalischen Durchbruch habe Udo Jürgens den amerikanischen Jazz der 1950er und 1960er Jahre in den USA selbst erfahren und in sich aufgesogen. So zumindest die musikalische Analyse Jörg Seidels, einem stimmgewaltigen Sänger und unglaublich unterhaltsamen Entertainer, der dies anhand zahlreicher Hörbeispiele und Akkord-Analogien dem Flörsheimer Publikum gerne belegte. Ein ums andere Mal gab er Anekdoten aus dem Leben von Udo Jürgens und seiner eigenen Begegnung mit dessen Weggefährten zum Besten, wobei sich der Übergang vom biographisch Belegten bis zu Jahrzehnte später erzählten Legenden fließend gestaltete.
Eine dieser Anekdoten besagt, dass Udo Jürgens, so dessen Bruder, den Jörg Seidel nach dem Tod des Schlagerstars persönlich traf, zuhause in Kärnten am familieneigenen Flügel stets nur Jazz angestimmt habe, nie jedoch die Schlagermusik, die ihn so weltberühmt gemacht hatte. Eine andere Anekdote (oder Legende…?) geht so, dass sich der junge Udo Jürgens – zu dieser Zeit im New Yorker Stadtteil Harlem wohnend – von den farbigen Mitbewohnern seiner Wohngemeinschaft in ein völlig ausverkauftes (und vermutlich auch unerreichbar teures) Konzert von Sammy Davis junior einschmuggeln ließ, um den heißgeliebten Jazz seiner Idole hautnah erleben zu können.
Sammy Davis junior spielte Udo Jürgens-Werke
Das waren die einleitenden Worte, mit denen Jörg Seidel im Stile eines charmanten Conférenciers erläuterte, wie das von Udo Jürgens eigentlich für Frank Sinatra komponierte, von dessen Management aber verschmähte Werk „If I never sing another Song“ in sein eigenes Programm kam: Weil genau dieser legendäre Sammy Davis junior Jahre später die Komposition Udo Jürgens‘ zu seinem Signature Song (mit dem er von nun an jedes seiner Konzerte abschloss) auserwählte und damit weltberühmt machte.
Anderer Stelle vergaß Jörg Seidel nicht, eines der weniger offensichtlichen Talente Udo Jürgens‘ zu würdigen: Dieser hatte im Laufe seines Lebens rund 1150 Titel komponiert, aber nur die wenigsten selbst getextet, weil er „stets von den brillantesten Textern seiner Zeit umgeben“ gewesen sei. Bei den beiden sehr nachdenklichen Werken „Ein Narr sagt Dankeschön“ und „Als die Musik erklang“ stammen sowohl die Melodie als auch der Text von Udo Jürgens. Um letzteren noch mehr in den Mittelunkt zu rücken, trug Jörg Seidel beide Werke „im Quartett“ vor, sein Gesang wurde nur von der Piano, Kontrabass, Percussion und Schlagzeug umfassenden Rhythmusgruppe begleitet. Der Fokus des Publikums auf den Text war aufgrund des Kontrasts zum gewaltigen Bigband-Sound des übrigen Konzerts mehr als sichergestellt.
Keine Hommage an Udo Jürgens ohne Schlagerklassiker

Jahrelang hat Jörg Seidel Größen der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik an der Guitarre begleitet – diese durfte auch beim Lions-Benefizkonzert nicht fehlen.
Foto: Lions Club Hochheim-Flörsheim, Holger Nicolay
Drei absolute Schlager-Klassiker durften im Programm nicht fehlen: „Griechischer Wein“, „Ein ehrenwertes Haus“ und „17 Jahr, blondes Haar“. Während erstgenannter Titel in seiner jazzig interpretierten und englischsprachigen Version als „Come share the Wine“ sich weit vom deutschen Original entfernt hatte, bildeten die beiden anderen Welthits mit großem Wiedererkennungseffekt Auftakt und Abschluss des Konzerts von Jörg Seidel und der Jazz-Express Bigband.
Für diese jungen Begleitmusiker, die sich vor wenigen Jahren aus dem Hessischen Landesjugendorchester formiert hatten, war der Bremerhavener Sänger mehrfach voll des Lobes ob ihrer bereits in so jungen Jahren stark ausgeprägten musikalischen Qualität und Professionalität. Dies konnte die von Matthias Opfermann und Yannick Dreifert geleitete Combo zum Auftakt des Konzerts und als Intro nach der Pause mit den beiden vollständig instrumentalen Titeln „Splanky“ von Count Basie und „It’s just Talk“ von Bob Curnow eindrucksvoll unter Beweis stellen.
Schüler-Bigband im Vorprogramm

Lia Höfle, Sängerin der Schüler-Bigband des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums, wusste die gewollt jazzig-dissonant arrangierten Swing-Klassiker „What a wonderful World“ und „Over the Rainbow“ überzeugend zu performen.
Foto: Lions Club Hochheim-Flörsheim, Holger Nicolay
Den Konzertauftakt hatte die von Musiklehrer Bernhard Frank geleitete Schüler-Bigband des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums gestaltet. Mit Arrangements von Joachim Refardt und Jörg Seidel wurden auch im Vorprogramm zwei anspruchsvolle, weil gewollt jazzig-dissonante Interpretationen der Swing-Klassiker „What a wonderful World“ (ursprünglich von George David Weiss für Luis Armstrong komponiert) und „Over the Rainbow“ (aus dem Der Zauberer von Oz) zu Gehör gebracht. Diese meisterten die knapp dreißig Instrumentalisten der Jahrgangsstufen 6 bis 13 mit Solo-Sängerin Lia Höfle bewundernswert. Dies war nicht zuletzt wegen der stets erfrischenden und das musikalische Bewusstsein der Schüler erweiternden Zusammenarbeit mit der Jazz-Express Bigband möglich, deren Mitglieder einen Extra-Workshop für die Probenarbeit in der Schule ermöglicht hatten.

Wie immer hochkonzentriert bei der Sache war die Schüler-Bigband des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums, die das Vorprogram des Lions-Benefizkonzerts mit zwei Klassikern des amerikanischen Swing gestaltete. Links dirigiert Musiklehrer und Bigband-Leiter Bernhard Frank.
Foto: Lions Club Hochheim-Flörsheim, Holger Nicolay
Nach fast drei Stunden ging ein denkwürdiges Lions-Benefizkonzert zu Ende, das dem Publikum in der fast vollständig ausverkauften Aula des Flörsheimer Graf-Stauffenberg-Gymnasiums völlig ungewohnte Klangerlebnisse und eine neue Perspektive auf das Werk von Udo Jürgens vermittelt hatte. Neben Jörg Seidel, Bernhard Frank und den jungen Akteuren der Jazz-Express Bigband sowie der schuleigenen Bigband wurde Heinz-Peter Kohl für einen gelungenen Konzertnachmittag gefeiert, den dieser federführend mit dem Konzertausschuss des Lions Clubs Hochheim-Flörsheim organisiert hatte.