Hessen, wir haben ein Problem!

Der Gedanke an die möglichen Nebenwirkungen und Spätfolgen von langfristigen Baumaßnahmen haben mich letzte Woche zum ersten Mal zur BVU-Sitzung (Bau und Verkehrsausschuss) ins Vereinsheim in die Wilhelmstraße gebracht. Ich erkenne gleich am Eingang den Pressetisch.

Der schlechteste Platz zum Zuhören und Zuschauen
Ganz links in der Ecke, quer gestellt zum langen Tisch an dem der Magistrat, der Bürgermeister, der Versammlungsleiter und die geladenen Fachleute, für die ich Sie zu diesem Zeitpunkt noch hielt, saßen.

Ich schaute auf die Seitenansicht der Magistratsmitglieder, konnte nicht sehen, wer gerade sprach. Ich konnte nicht erkennen was auf den Präsentationen 20 Meter entfernt auf eine Leinwand projiziert war. Da stand was klein geschrieben. Und ich dachte mir: „F…k! ich kann nicht erkennen was geschrieben steht. Und ich kann nicht sehen wer gerade was sagt, weil alle vor mir wie auf einer Stange saßen die ich entlang schaute.“

Alfred Weilbächer erkannte ich, weil er etwas größer ist und Florian Fuhrmann, weil er die Sitzung leitete und sich häufig zum Mikrofon vorbeugte. Den Bürgermeister konnte ich heraushören, wenn er sprach. Der Rest der sog. Experten war nicht zu erkennen. Was haben denn die Pressekollegen getan, dass Sie hierher verbannt werden.

Spannung durch miese Präsentationen
Meine Stimmung, keine Ahnung vom Thema und verbannt auf die Strafbank, erhellte sich schnell wegen dem Schauspiel, das sich mir beginnend mit dem erstem „Experten“ eröffnete. Nachdem der junge Ingenieur, der das Projekt Main-Vorlandbrücke in seinen technisch durchaus spannenden Details zum dritten Mal in der Ost-Westrichtung vertauschte und den gesamten Saal in Verwirrung brachte, wachte ich förmlich auf und dachte mir: „Was kriegen die Stadtverordneten da eigentlich zu sehen und zu hören, warum zeigt „hessenmobil“ in der Präsentation Excel-Tabellen mit 50 Zeilen und 20 Spalten? Schauen die sich Präsentationen nur auf dem PC an? Gibt es da keine Power-Point-Kurse? Warum lassen die einen offensichtlich – nur technisch – versierten Mann die Präsentation halten?

Die technischen Informationen
Die Main-Vorlandbrücke von Hochheim gesehen, vor der echten Mainbrücke, wird auf ihrer gesamten Länge von ca. 800 m durch einen Ersatzneubau ersetzt werden. (Der Begriff Ersatzneubau ist wichtig, weil bei Neubau für Hochheim sinnvollere Regeln gelten würden.)

Gute Nachricht: Alle vier Fahrspuren der A671 sollen während der gesamten Baumaßnahmen erhalten bleiben (kurze Sperrungen nachts oder am Wochenende für Umrüstungen der Baustellen wird es aber geben).

Die Verschiebung
Die gesamte Brücke wird zunächst auf Ihrer gesamten Länge 3 m nach rechts Richtung Osten verschoben. Die Fahrspuren werden entsprechend nachgeführt. Nachdem die Pfeiler der linken Seite erneuert worden sind, wird die Brücke wieder zurück nach links verschoben. Der junge Ingenieur meinte: „Diese Schiebevorgänge werden technisch Interessierte Zuschauer an die Brücke nach Hochheim holen.“

Der Stützenwald
Zunächst wird unter der Brücke als Unterstützungsmaßnahme ein „Stützenwald“ aufgebaut – alle 10m in jeder Richtung, eine statisch genau berechnete Stütze. Gute Nachricht: Die Neckarstraße als Lebensader und Verbindung in die Südstadt, aber auch die Bahnlinie bleiben bis auf kurze Rüstzeiten der Baustellen frei für den Verkehr befahrbar.

Die Zeitplanung:

2017 Planung bis Ende des Jahres

2018 Bauvorbereitung

2019 Baudurchführung

2021 Beginn Ersatzneubau

2027 Fertigstellung der Vorlandbrücke

 

Ein Radweg fällt weg
Miese Nachricht: Der Radweg wird in Zukunft nur noch auf einer Seite und zwar auf der Westseite entlangführen. Allerdings ist geplant, diesen nur kurz bei den Umrüstungen zu sperren.

Regenwassersammler vom Käsbach und Entwässerung der Unterführung
Schlechte Nachrichten: Die Stadt Hochheim beim Bau der aktuellen Brücke Leitungen zur Entwässerung und zum Abwassertransport unter dem Brückenbereich verlegt, die jetzt im Rahmen der Ersatzneubau-Baumaßnahmen erneuert werden müssen. Diese Kosten werden bei der Stadt hängen bleiben.

Seltsame Nachricht: Die neue Brücke wird 8,5m breiter aber bleibt 4-spurig. Das ist wegen dem heiligen Dokument der Verkehrswegeplaner, das heißt „Bundesverkehrswegeplan“. Dieser hatte mal einen 6-spurigen Ausbau vorgesehen, ist dann aber – wohl aus Einsparungsgründen auf 4-spurig zurückgestuft worden. Und das obwohl alle anderen Autobahnen im Hochheimer Umfeld, die A60, die A66, die A3 sogar 8-spurig ausgebaut werden.

Noch eine seltsame Nachricht: Wie zur Beruhigung erklären die Planer von Hessen mobil auf Nachfrage, dass sie die Brücke auf jeden Fall statisch so bauen, dass Sie ohne weiteres auch 6-spurig befahren werden kann. Also sind die Planer von Hessen-Mobil vorausschauender als die Prognostiker des Bundes oder trauen die dem Bundesverkehrswegeplan, so wenig über dem Weg wie wir, die im Rhein-Main-Gebiet leben. Die Prognose des Bundesverkehrswegeplan nimmt an, dass die Zahl der Fahrzeuge 2030 deutlich geringer ist als die 72.000 Fahrzeuge, die heute pro Tag die Brücke überqueren.

Warum soll das so sein, wenn alle anderen Autobahnen rings herum ausgebaut werden? Die Antwort kommt erst auf mehrfache Nachfrage über ein paar Ecken: „Zunehmende Nutzung des ÖPNV (öffentlichen Personennahverkehrs) und der individuellen Elektromobilität.

Mein innerliches Aha, bleibt mir im Halse stecken.

Die aller seltsamste Nachricht: Hochheim soll sich jetzt mal beeilen zu beschließen, ob es eine Schallschutzmauer haben möchte oder nicht. Das wäre wichtig für die Planung.

Und jetzt sollen die Bürger über den Schallschutz abstimmen, ein Vorhaben, dass hässlich und teuer wird und wer weiß was bringt. Wir sollen jetzt den Bürgerwillen darstellen.

Das ist keine Win-win-Situation
Das ist eine Loose-loose-Situation! Lehnen wir, die Bürger die Schallschutzmauer ab, müssen wir mit den Emissionen leben. Stimmen wir dafür, müssen wir mit den finanziellen Auswirkungen auf die nächsten Jahre leben und nehmen zukünftigen Stadtverordneten und Bürgermeistern jeglichen finanziellen Spielraum.

Wäre im Bundesverkehrswegeplan wieder der alte sicherlich vernünftig prognostizierte 6-spurige Ausbau, würde der Bund die Kosten für den Schallschutz übernehmen. Wer kann und will da politisch Einfluß nehmen?

Ein Gedanke zu „Hessen, wir haben ein Problem!

  • 26. August 2017 um 11:36
    Permalink

    Wie sieht es eigentlich mit Flüsterasphalt aus

    Antwort

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