Biodynamische Weine locken trotz Schnee ins Weinbaumuseum

(aha) Donnerstagabend nach Fastnacht, Schneefall seit dem frühen Nachmittag, Schnee & Schneematsch auf den Hochheimer Straßen. Trotzdem und unerwarteter Weise ist das Kellergewölbe des Hochheimer Weinbaumuseums um 19Uhr30 voller Interessierter WeinliebhaberInnen. Das Thema ‚biodynamische Weine’ hat sie angelockt.

Die Gastgeber Hendrik Ruitenberg, Ehrenamtlicher des Weinbaumuseums und Fabian Schmidt von Weingut Im Weinegg präsentierten 12 biodynamisch produzierte Charakterweine. Die Auswahl der Weine war wieder einmal großartig und lies die Bandbreite des biodynamischen Weinbaus auf der Zunge und am Gaumen spürbar und nacherlebbar werden. Schnell kam es zu einem regen Gedankenaustausch zwischen Veranstaltern und BesucherInnen.

Beispiele nahezu aller Entwicklungen im Weinbau, die gerade bei WinzerInnen und WeinliebhaberInnen ‚en vogue’ sind, fanden, begleitet von fachkundiger Erläuterung, den Weg ins Probierglas.

Der PetNat
Den Reigen eröffnete ein ‚Pét Nat’, die Abkürzung steht für Pétillant Naturel, was übersetzt ‚natürlich prickelnd’ bedeutet. Vor Jahren wurde der ‚PetNat’ hierzulande noch als Verrücktheit einiger Franzosenwinzer abgetan. Mittlerweile wird der fruchtig spritzige PetNat beachtet und anerkannt. So wie es beim Bier auch Liebhaber für Helles- und Hefebier gibt, hat der PetNat, dass Potential eine eigene Weinkategorie zu bilden. Der PetNat wird unbehandelt, als gärender Most inklusive seiner noch unvergorenen Hefe in die Flasche gefüllt, gärt weiter und bildet dort die prickelnde Kohlensäure, die nicht mehr aus der Flasche entweichen kann. Er hat bereits jetzt, wegen seines natürlichen, vollmundigen Geschmacks und trotz seines vergleichsweise wilden Aussehens seine LiebhaberInnen gefunden.

Das Terroir
Die Herausarbeitung des ‚Terroirs’, also des Bodens und des Kleinklimas der Umgebung in der die Trauben reifen, geben den hochwertigen Öko-Weinen eine unvergleichliche Vielfalt. Wenn es den WinzerInnen gelingt, den Ausdruck des eigenen Terroirs und seines Mikroklimas zu erhalten, werden die Weine einzigartig und unnachahmlich.
Die Hauptkomponenten Licht, Wasser, Temperatur und Boden(Zusammensetzung und Schichtung) kombinieren sich in jeder Lage auf einzigartige Weise unterschiedlich. Damit die Reben ihren Lebensraum, ihr Terroir, mit ihren Wurzeln vollständig erfassen können, müssen sie nach Meinung der Öko-Winzer, lebendig und frei von Unkrautvernichtungsmitteln sein, die alle Mikroorganismen zerstören.
Um ihr Klima und seine endlosen Variationen von Wind, Hang, Feuchtigkeit etc. erfolgreich zu erfassen, muss sich die Pflanze so natürlich wie möglich entwickeln. Hauptsächlich müssen die Blätter frei von synthetischen, chemischen Produkten sein, die die Photosynthese und alle anderen Ebenen der Entwicklung der lebenden Pflanze stören können.

Ökologische Weinbergsbearbeitung
Von der ökologischen Weinbergsbearbeitung und den Unterschieden der verschiedenen BIO-Siegel, vom Vorteil des Verzichts auf Insektizide und Herbizide bis hin zur Kräftigung der Reben durch bio-dynamische ‚Düngemethoden’, wurde Vieles erläutert und diskutiert. Fabian Schmidt, dessen Weingut Im Weinegg sich in der Umstellung zum zertifizierten Demeter Betrieb befindet, stellte seinen nach bio-dynamischen Grundsätzen produzierten 2019er Grauburgunder vor, der viel Lob einsammeln konnte.

Ökologische Kellerarbeit
Genauso wurden einzelne Weine verkostet, deren Individualität durch den Ausbau im Weinkeller verstärkt wurden, so wurde auch ein ‚Orange Wine’ verkostet. Orange Wines sind Weißweine, die wie Rotweine mit ihren eigenen Beerenschalen vergoren werden, dadurch erhält der Wein mehr Tannine und Farbstoffe. Das ist aber nicht zwingend gleichbedeutend mit den Naturweinen, die ohne jede Zugabe von Hefen, spontan vergoren sind und auch keinerlei andere Zusätze erhalten.

Aufgereiht in der Reihenfolge der Weinprobe v.l. die geleerten Flaschen der zwölf ökologisch angebauten Weine der Weinprobe.

Biodynamisch agierende Winzer aus dem Rheingau
Spannend war an dem Abend auch, dass weitere WinzerInnen anwesend waren und Weine ihres Weinguts vorstellen konnten. So konnten Nora & Andreas Schirpf, die Inhaber der Donnermühle aus Kostheim, den Anwesenden ihren bereits Demeter zertifizierten 2015er Spätburgunder Barrique, Spätlese trocken persönlich näherbringen. Fabian Schmidt sagt dazu: Super Rotwein!

Abschließend hat Rahel Ambrozic, die Tochter der Hochheimer Pfarrerin, die ihr erstes Ausbildungsjahr als Winzerin im Weingut Peter Jakob Kühn aus Oestrich verbracht hatte, den hervorragenden 2017er DOOSBERG VDP.GROSSE LAGE eingängig und versiert vorgestellt. Eine Offenbarung!

Zukunft des Spitzenweinbaus
Es wurde klar, dass die Zukunft des Weinbaus nur über seine ökologische bzw. bio-dynamische Ausrichtung weiterentwickelt werden kann. Die Maßnahmen der Ökowinzer in und um die Weinberge tragen auch zur Schönheit und Einmaligkeit der Kulturlandschaft bei. Durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Spritz- und Düngemittel werden Grund- und Oberflächenwasser geschont. Die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten wird gefördert. Eine Flasche Öko-Wein birgt nicht nur Qualität, sondern auch ein Stück Kulturlandschaft. Kurz Bio-Weine sind dem Klischee der Vergangenheit längst entwachsen und stellen eher die Spitze dar, ganz nach dem Motto: „Schmeckt einfach großartig… und und ist übrigens auch im Einklang mit der Natur hergestellt.“

Die Vorgänger des heutigen Weingut Im Weinegg das Weingut Aschrott bei der Traubenlese 1930 im Weinbaumuseum verewigt.

Im Nachgang dieser außergewöhnlich lebhaften und interessanten Weinprobe – die hoffentlich schon bald eine Wiederholung erfährt – wollen wir mit einem Wort des mittlerweile 75-jährigen französischen Pioniers der biodynamischen Weinbewegung enden und soll gedanklich die spannenden Entwicklungen die da noch kommen begleiten:

„Wenn eine gesunde Landwirtschaft (organisch oder biologisch-dynamisch) den Geist eines Ortes sich auszudrücken erlaubt, werden Kellerinterventionen und ihre willkürlichen Geschmäcke, die sie erzeugen können, unnötig. Dann behält der Wein den Geschmack seiner Herkunft und seine Fähigkeit zu altern, mit vollständiger Transparenz für den Verbraucher.“

Nicolas Joly

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