Extra zum Kampagnenbeginn am 11.11.2018

Fragen an Thomas Thelen, Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde von 1837

WSJ: Herr Thelen, vielen Dank für das Gespräch so kurz vor der Kampagne 2018/2019, wie fühlen Sie sich bevor es los geht?

Ich bin gespannt und voller Vorfreude auf die kommende Kampagne.

Wir starten am Vorabend des 11.11. mit unserer Ordens- und Beförderungsfeier, da wird unser aktueller Kampagneorden präsentiert. Spannend ist hierbei nur die Frage: Sind die Orden da ??? In diesem Jahr bin ich entspannt…aber wir hatten auch schon andere Erfahrungen.

Am Sonntag (11.11.) marschieren wir mit klingendem Spiel von unserem Ranzengardebrunnen am Provianamt zum Schillerplatz und nehmen an der Proklamation des närrischen Grundgesetzes teil. Dort feiern wir mit den Mainzern, den anderen Garden und Vereinen. Und dann ist der närrische Trubel schon vorbei, quasi nur ein kurzes Vorhanglüften für die Kampagne 2019.

WSJ: Könnten Sie unseren Lesern erklären, was macht man als Generalfeldmarschall der Ranzengarde? 

Der Generalfeldmarschall ist der höchste Offizier der Mainzer Ranzengarde, damit Befehlshaber während der Kampagne von Neujahr bis Aschermittwoch. Ich bin vorderster Repräsentant der Garde bei den Straßenschlachten und in der Saalfastnacht. Das bedingt die Teilnahme an Umzügen und Festen, Besuch von Sitzungen und Empfängen – sowohl von der eigenen Garde als auch anderer Korporationen und bei profanen Anlässen. Sehr bunt, sehr vielfältig !!

Ein Bild vom ‚Ökonomen‘ Matthias Grasser Freitagabend 18:45 Uhr, öffnet die Kammer der Ranzengarde in Fort Hauptstein. Vor der Türe steht bereits eine große Menge Menschen, die alle vor der am 11.11 beginnenden Kampagne, mal einen neuen Goldknopf für die Uniform, Jabots, Spitze für die Ärmel, neue Epauletten, einen neuen Hut oder einen neuen Waffenrock brauchen. Das ist das Reich von Ökonom Matthias Grasser, er liebt diese Arbeit, das merkt man ihm an. Er ist für die Ausgabe von Uniformen und den sogenannten Effekte an die Gardisten und Kadetten zuständig. Es macht einen hervorragenden Job, behält bei Gardetumulten in der Kammer den absoluten Überblick. Bleibt freundlich, verbindlich und ein toller Kamerad.

WSJ: Die Ranzengarde ist das älteste Korporation in Mainz, Segen oder Last?

Die Garde ist keine Last, ganz im Gegenteil. Alle Verantwortlichen der Garde, mich eingeschlossen, machen das ehrenamtlich und aus Spaß an de Freud. Und für die Stadt Mainz ist die Mainzer Ranzengarde doch eher ein Segen, ohne uns gäbe es die Fastnacht vielleicht gar nicht. Wir haben sie 1837 aus der Taufe gehoben, wir sind das Original.

WSJ: Wie stellen Sie eine so große Garde auf und machen diese Fit für die Zukunft, Stichwort Skandal um den MCV und die angebliche Veruntreuung von Geldern?

Die Garde wächst stetig. Im Jahr 2000 hatten wir 500 Mitglieder, inzwischen sind wir 850 Gardisten, männlich – weiblich, jung – alt. Auf dieses Wachstum sind wir stolz, aber es bedeutet auch Aufwand und leidenschaftliches Engagement. Alle, ob im Kommando, im Kleinen Rat, in den Ausschüssen und den Abteilungen, gehen die Fastnacht mit bewundernswertem Einsatz an. Dafür sind wir dankbar und werden auch belohnt: Mit Zustimmung und Anerkennung von innen und außen, finanzieller Unterstützung von Förderern und Beifall vom Publikum im Saal unn uff de Gass.

Zu sogenannten „Skandalen“ will ich mich nicht äußern, ich bin weder Mitglied noch Kenner der Interna. Ich wünsche allen Betroffenen schnelle Klärung und Besserung. Dies insbesondere für den MCV (Mainzer Carneval Verein). Er wurde 1838 in direkter Folge der Ranzengarde gegründet, das verbindet. Und er hat seitdem die Mainzer Fastnacht maßgeblich geprägt.

WSJ: Wie beugen Sie einem fastnachtlichen Amigo System vor?

Amigo-System – das ist doch bayrisch, oder ?!? Bei uns heißt das entweder Fleischworscht-Connection oder Handkäs-Mafia !!! (lacht).

Im Ernst, Mainz ist ne tolle Stadt, geschichtsverbunden, weltoffen, tolerant. Und geprägt von intensivem Vereinsleben. Dass man sich kennt, empfinde ich nicht als Makel. Es gibt Gespräche und damit Lösungen. Besonders für die Fastnacht, getreu dem Wahlspruch: „Wir nehmen uns auf den Arm, aber wir lassen uns nicht fallen!!!“

WSJ: Als Generalfeldmarschall erlebt man viel, erzählen Sie uns, wie sieht ein Tag in der Kampagne für Sie aus?

An Wochenenden vor den hohen Feiertagen sind es überwiegend Empfänge, Ordensfeiern, Eskorten. Und ich besuche leidenschaftlich gerne Sitzungen. Am Fastnachtswochenende ist mit allen Umzügen, Feldlagern und Altstadtbummel natürlich die Hölle los.

Beeindruckend und abwechslungsreich ist der Fastnachtsonntag: Morgens Gardegottesdienst im Dom, Frühstück im Feldlager, Befehlsübergabe vorm Landtag, Gardeparade durch die Aurea Moguntia, Besuch und Ständchen bei unseren älteren Meenzer Bürgern im Bruder-Konrad-Stift, Mittagsstärkung im Feldlager und nachmittags Prunkfremdensitzung im Kurfürstlichen Schloss. Action von 8 bis 24 Uhr – mehr Vielfalt geht nicht !!!

WSJ: Schaffen Sie das alles alleine oder brauchen Sie Unterstützung?

Natürlich geht nix alleine, alle in der Garde ziehen mit, da bin ich sehr froh drum. Und auch zu den anderen Korporationen bestehen gute, produktive Verbindungen.

Und ich habe einen persönlichen Adjutanten: Kurt Nagel. Guter Geist und närrischer Mitstreiter seit Jahrzehnten. Übrigens ein echtes Hochheimer Gewächs, der ist bekannt wie ein bunter Hund!!!

Privat bekomme ich Unterstützung von meiner Lebensgefährtin Birgit, geschäftlich hält mir mein Bruder Klemens den Rücken frei.

WSJ: Wie viele Termine nehmen Sie in der Session für die Ranzengarde wahr?

Intern circa zehn bis zwanzig Treffen, meist organisatorischer Natur.

Mit Außenwirkung etwa dreißig bis vierzig Termine, immer abhängig von der Dauer der Kampagne.

WSJ: Nun war das Wetter 2018 extrem gut, glauben Sie das wir zu Fassnacht Karibik-feeling in Meenz bekommen? Bei Cuba Libre und Palmen am Rheinstrand?

Naja, an einen Wetterwandel glaube ich nicht und Fastnacht ist nun mal ein Fest im Winter.

Aber ich hoffe jedes Jahr aufs Neue, dass sich der alte Meenzer Spruch erfüllt: „Petrus iss en Meenzer!!!“ Vor allem bei den Umzügen, insbesondere am Rosenmontag, damit Teilnehmer und Zuschauer unser goldisches Meenz bei schönstem Wetter erleben.

Und falls nicht, ziehen wir es trotzdem durch, denn „Meenzer Blut iss kää Buttermilch !!!“

WSJ: Nun tragen Sie als Gardist in der Kampagne fast jeden Tag Uniform? Wie lange brauchen Sie um diese anzuziehen?

Ich bin vierzig Jahre dabei, habe Übung. Zehn Minuten sollten reichen.

WSJ: Nun kommen Sie durch viele Veranstaltungen, jeden Tag Alkohol, ist das nicht irgendwann ein Problem, wie gehen Sie damit um und was ist Ihr Rezept um fit zu bleiben?

Um generell fit zu bleiben, treibe ich regelmäßig Sport, das ganze Jahr über. Sehr gerne Tennis, außerdem Joggen, Wandern und Radeln.

Dann hoffe ich, während der Kampagne von Erkältung / Grippe verschont zu bleiben. Die Stimmbänder leiden allerdings immer, nach Aschermittwoch habe ich eine Reibeisen-Stimme.

Alkoholische Getränke gehören zum geselligen Feiern und zur Mainzer Fastnacht, nicht umsonst ist unser Nationalgericht „Weck, Worscht unn Woi“. Aber Fastnacht feiern bedeutet für mich keinesfalls, mich bis zum Kontrollverlust voll laufen zu lassen. Dass viele „Feierwütige“ dies trotzdem bis zum Exzess machen, gefällt mir überhaupt nicht.

WSJ: Letzte und wichtigste Frage, Jugendarbeit, wie sieht die in der Ranzengarde aus und haben Sie genug junge Menschen die sich für die Garde begeistern ?

Wie schon erwähnt, wir haben einen lang anhaltenden Zuwachs an Gardisten. Egal welchen Geschlechts, Alters oder Berufes, welcher Konfession oder Weltanschauung, wir sind Querschnitt der Gesellschaft, wir sind eine Volksgarde.

Wir beobachten derzeit: Gerade für junge, interessierte Menschen ist die Garde attraktiv: Neue Leute kennen lernen, Spaß an Fastnacht in gut organisierten Rahmen, Zusammengehörigkeit, dazu eine klasse Uniform – Fastnachtsherz, was willst Du mehr?!

Besondere Freude bei der Nachwuchspflege bereitet unser Kadettencorps: Hier sind Kinder und Jugendliche beisammen und betreut, sie saugen den Bazillus carnevalensis sozusagen schon in jungen Jahren auf. Als gern gesehener Bestandteil der Eskorten besuchen unsere Kleinen Sitzungen, Feste, Empfänge und marschieren natürlich bei den Umzügen mit.

Und sie gestalten eine eigene Kadettensitzung, eine Sitzung von Kindern für Kinder. Und regelmäßig schafft es ein Nachwuchstalent auf die große Bühne unserer Prunkfremdensitzung im Kurfürstlichen Schloss.

Das macht uns einen Riesen-Spaß, wir sind stolz, Teil der 182 Jahre jungen Mainzer Ranzengarde zu sein !!! Hier der Link zur Webseite: http://www.mainzer-ranzengarde.de

Das Interview wurde von Patrick Falk von Salm am 08.11.18 durchgeführt.

Beitragsbild: Helau von Thomas Thelen alle Rechte bei der Mainzer Ranzengarde 1837 e.V.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.