2. Platz: Freundschaft bis ins Grab und darüber hinaus

Beitrag für den Erzählwettbewerb (mehr Infos) der achten Klassen an der Heinrich-von-Brentano-Schule in Hochheim

Ich öffne meine Augen und sehe, wie die Blätter fallen. Als ich aufstehe, sehe ich auf die Uhr. Es ist schon halbacht. Verdammt, ich werde schon wieder zu spät zur Schule kommen! Ich mache mich schnell fertig, zum Frühstücken bleibt keine Zeit. Ich werfe noch einen letzten Blick in den Spiegel und sehe, dass meine schwarzen Locken mein halbes Gesicht verdecken.

Als ich zum Bus renne, sehe ich meine beste Freundin Haley gerade noch in den Bus einsteigen. Ich rufe ihren Namen und sie dreht sich um. In ihrem Gesicht sehe ich nicht den kleinsten Hauch an Überraschung, was daher kommt, dass ich fast immer zu spät bin. Ich steige schnell in den Bus ein. Haley und ich setzen uns nach hinten auf zwei freie Plätze.

,,Du schaffst es nie pünktlich, oder?“, sagt Haley mit einem Grinsen im Gesicht. ,,Nein“, sage ich und ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich lache eher selten, meinte Haley mal. Und da hat sie nicht ganz unrecht. Im Vergleich zu ihr könnte man meinen, dass ich nie lache. Geschweige denn überhaupt glücklich bin.

Haley ist das komplette Gegenteil von mir. Sie ist beliebt, freundlich,  hilfsbereit und wunderschön. Ich dagegen habe keine Freunde. Bis auf Haley. Den Kontakt mit anderen vermeide ich, wenn möglich. Mit meinen schwarzen Klamotten und meiner unfreundlichen Erscheinung, hinterlasse ich den Eindruck, als ob ich jeden schlagen würde, der mich auch nur ansieht. Um ehrlich zu sein, habe ich kein Problem damit.

Kurz bevor der Bus anhält, sehe ich, zwei Plätze vor mir, einen Jungen mit dunkelbraunen, fast schon schwarzen Haaren, die ihm leicht ins Gesicht fallen und grauen Augen. Sein Name ist Jack. Er ist sehr gut mit Haley befreundet. Aber auch ich und Jack kennen uns schon länger. Wir reden öfters miteinander, aber er sieht wahrscheinlich keine Freundschaft oder Sonstiges zwischen uns. Ich mag Jack. Sehr sogar. Und Haley weiß es. Sie versucht mir zu helfen, aber ich lehne ihre Hilfe immer ab.

Der Bus hält und ich und Haley steigen aus und gehen in den Unterricht. Als es zur Pause klingelt, setze ich mich unter den Schatten eines Baumes und versuche den anderen aus dem Weg zu gehen. Plötzlich sehe ich jemanden auf mich zu laufen. Es ist Jack. Ich spüre wie mein Herz immer schneller schlägt. So schnell, dass es fast schon schmerzt. Ich bin schon halb in Panik geraten, als Jack vor mir steht.

,,Hey, Saddie! Kann ich mir dein Mathebuch leihen? Ich hab‘ meins zuhause liegen lassen.“, fragt er mich, mit einem Funkeln in den Augen, der den eines Sternes gleicht. Ich krame aus meinem, neben mir liegenden Rucksack mein Mathebuch raus und stehe auf. Als ich Jack das Buch reichen will, werde ich plötzlich von hinten gegen Jack geschubst. Wir beide verlieren das Gleichgewicht und landen auf den harten Boden. Als ich die Augen wieder öffne, steht Jack schon auf den Beinen und reicht mir seine Hand.

Ich nehme seine Hand und lasse mir aufhelfen, während ich nach der Person Ausschau halte, die mich geschubst hat. Ich wische mir den Dreck von den Klamotten ab und traue meinen Augen nicht, als mein Blick auf Haley trifft. Ich versuche Haley nicht anzuschreien, damit ich die Aufmerksamkeit der anderen nicht auf mich ziehe. Aber es klappt nicht.

,,WAS SOLLTE DAS DENN!?“, platzt es aus mir heraus und ich merke, wie sich die anderen um uns scharen und anfangen zu flüstern. ,,Was meinst du? Ich wollte dir doch nur mit Jack helfen. Wie wär´s wenn du dich mal dafür bedankst?“ ,sagt Haley. Warum soll ich mich für sowas bedanken? Erst jetzt fällt mir auf, dass einige um uns herum zu kichern anfangen und mir klar wird, dass Haley gerade, wenn auch unbewusst, allen gesagt hat, dass ich auf Jack stehe.

Ich sehe Jack an und merke, wie er meinem Blick ausweicht und leicht rot wird. Ich werde wütend wie noch nie zuvor und spüre nun diesen Hass, den ich auf Haley habe. Ich will sie weiter anschreien. Ihr Beleidigungen an den Kopf werfen. Aber das würde mir nichts bringen. Also gehe ich, als es wieder klingelt, rein und versuche mir nichts anmerken zu lassen.

Als ich nach der Schule nach Hause gehe, höre ich, wie jemand nach mir ruft. Ich brauche mich nicht umzudrehen um zu wissen, dass es Haley ist und laufe weiter. Sie holt mich aber ein und versucht mit mir zu reden.

,,HÖR MAL! DU KANNST MICH NICHT EWIG IGNORIEREN!“, sagt sie mit unschuldiger Stimme. Ich sehe mich gezwungen anzuhalten und blicke in ihre blauen, mit Tränen erfüllten Augen. ,,Ich werde dir niemals verzeihen können.“, sage ich kühl. ,,Das tat weh, nur damit du es weißt.“ „Du ignorierst mich nur wegen ein paar blauen Flecken? Und ich dachte ich wäre tief gesunken.“, sagt Haley und wirkt dabei leicht gereizt. ,,Damit meine ich nicht die blauen Flecken! Ich weiß, du meintest es gut, aber das könnte man wohl kaum ,,helfen“ nennen.“, sage ich. ,,Ich weiß, aber lass es mich doch wieder gut machen.“, antwortet sie flehend. ,,Tut mir Leid, aber ich glaub, das kannst du nicht.“, sage ich, gehe weiter und lasse sie weinend zurück.

Als ich vor meiner Haustür stehe und meine Schlüssel aus meiner Tasche hole, höre ich eine Art Schuss. Bestimmt habe ich mir das nur eingebildet. Ich bilde mir ja ständig Sachen ein, zum Beispiel die Freundschaft mit Haley.

Abends als meine Eltern nach Hause kommen, sage ich ihnen, dass es mir nicht so gut geht und morgen lieber nicht zur Schule gehen will. Sie sind damit einverstanden, was ich gut finde, da ich Haley morgen nicht sehen muss. Und Jack auch nicht. Es ist morgens. Ich steige aus meinem Bett und mache mir Frühstück. Meine Eltern sind schon auf dem Weg zur Arbeit. Plötzlich klopft jemand an der Tür. Ich gehe hin und mache auf.

Panik entfacht sich in mir, als ich einen Polizisten vor meiner Haustür stehen sehe. Er fragt nach meinen Eltern und ich sage, dass sie gerade nicht da sind. Dann erzählt er mir etwas, das mein Herz zum Stillstand bringt. Haley wurde gestern tot aufgefunden. Anscheinend erschossen. Ich kann es nicht fassen und bemerke nicht, wie mir Tränen übers Gesicht laufen. Der Polizist stellt mir weitere Fragen, doch ich höre kaum zu, da meine Welt gerade zusammen bricht…

Eine Woche später ist die Beerdigung. Alle aus meinem Jahrgang sind da: Lehrer, Haley´s Freunde und Jack, der neben mir steht. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie tot ist, da ich nun diese Leere fühle, die sie hinterlassen hat. Sie fehlt mir. Auch wenn wir uns gestritten haben und ich versuchte die Freundschaft abzubrechen. Das gibt mir ein Gefühl von Schuld, da ich nun weiß, dass der Schuss, den ich hörte, keine Einbildung war. Ich fange an zu weinen.

Plötzlich verschwinden die Sorgen, als ich spüre, wie Jack meine Hand nimmt…

Yusra Mohand A.K.
2. Platz A-Kurse

Das Weinstadtjournal sagt in Anlehnung an die Jury: Eine schöne Freundschaft, dann kommen Wendungen in jedem Absatz: Der gutgemeinte Schupps, der Verrat der geheimen Gefühle, das Missverständnis, der Schuss, die Trauer, und keine Chance mehr sich auszusprechen. Als versöhnliches Ende kommt, die Hand von Jack, der ja dank der Getöteten weiß, wie es um die Gefühle der Erzählerin steht, und tröstet den Schmerz. Die Geschichte ist gut geschrieben und wird schwungvoll und emotional erzählt.

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