1. Platz: Ein letztes Wiedersehen

Beitrag für den Erzählwettbewerb (mehr Infos) der achten Klassen an der Heinrich-von-Brentano-Schule in Hochheim

Er stand mir gegenüber, so nah als würde ich meine Hand nach ihm ausstrecken, ihn berühren könnte. Die Sonne ging hinter seiner breiten Silhouette orangefarben unter. Er war nicht mehr der dürre Blondschopf mit den runden Gesichtszügen eines Kindes. Er war ein ausgewachsener breitschultriger Mann, dessen Haare ins Braune übergingen und ihm wild ins Gesicht fielen. Wie sehr konnte man sich in 5 Jahren verändern? Die Antwort reicht anscheinend bis zur Unkenntlichkeit.

Die Menschenmassen drängelten sich an uns vorbei und murmelten schroffe Worte, da wir nicht aus dem Weg gingen, typisch Großstadt. Die Panik ergriff mich,  bevor ich etwas dagegen unternehmen konnte.  Ist er noch immer wütend auf mich, wütend, weil ich mich nicht getraut habe mich zu entschuldigen und enttäuscht von sich, mir nicht verziehen zu haben? 

Oder ist er froh, mich nach all der Zeit zu sehen? Trotz der Panik durchströmte mich auch Ruhe, der ewig stürmende Hurricane war ausgehungert und zum Stillstand gekommen. Was soll ich sagen? Vielleicht ist dies die letzte Chance mit ihm zu reden. Ihm zu sagen, dass es mir leid tut. Ihm zu zeigen, wie wichtig er mir doch ist.

Doch weder er noch ich bekamen ein Wort heraus, wir starrten uns einfach an. Er scannte jeden Millimeter meines Gesichts und als er damit fertig war, fing er an zu lächeln. Ein ehrliches, breites Lächeln, dass so typisch für ihn war und mich an die alten Zeiten mit ihm erinnerte. Ich lächelte mindestens genauso breit zurück. Er lächelte! Entweder war er wirklich glücklich mich zu sehen oder hinter seiner Fassade geht er jeden möglichen Plan durch mich wieder loszuwerden.

„Hi.“ War das mein Ernst? Dir fällt nach 5 Jahren des Wiedersehens nicht mehr ein als ein mickriges Hi, dachte ich mir. Ich war wütend auf mich selbst, dass ich nicht mehr zustande brachte als ein einziges einsilbiges Wort.

„Du hast dich verändert“. Die ganze Situation war mir nicht geheuer. In Gedanken bin ich den Tag schon hundertmal durchgegangen, doch jetzt war er hier, hier vor mir und ich versuchte Smalltalk zu führen, der mehr als nur gezwungen klang. Anstatt mir aus meiner misslichen Lage zu helfen, stand er da und lachte sich wahrscheinlich innerlich ins Fäustchen.

Ich will hier weg, verdammt! Doch meine Füße schienen mit dem schwarzen Stein der Straße zu verschmelzen und ich konnte mich keinen Zentimeter von der Stelle bewegen.

Kann er nicht irgendwas machen? Antworten, mich umarmen oder meinetwegen schreiend wegrennen?! Und auf einmal veränderte sich sein Gesichtsausdruck, er wurde kühl und sein Blick durchbohrte mich, als würde er etwas in weiter Ferne sehen. Die Sonne war untergegangen und seine Haut hatte nicht nur ihre braune Farbe verloren, sondern wies auch eine käsige Blässe auf.

„Jamie?“, fragte ich vorsichtig, doch bekam keine Antwort darauf. Ich schaute an ihm herab, auf seine Arme, die schlaff an seinen Seiten herunterhingen und hörte ein leise Platschen. Ein Geruch schlug mir ins Gesicht, den ich kaum benennen konnte, wenn er wollte. Die rote Flüssigkeit rann an seinen Unterarmen über die Finger entlang und tropfte dann auf den Boden. Ich schrie, schrie so laut ich konnte, bis meine Stimme nachgab und zu einem leisen Wimmern wurde.

Es war ein Traum, ein Albtraum, der so real war, dass ich wirklich daran glaubt, mit Jamie reden zu können. Nur das würde nicht passieren, es kann nicht passieren. Jamie ist tot und das musst du endlich einsehen! Dein bester Freund ist vor 5 Jahren gestorben, Henry.

Anabel Rolzhäuser
1. Platz A-Kurse

Das Weinstadtjournal sagt in Anlehnung an die Jury: Der Aufbau der Spannung ist gelungen, Anklänge an vergangene Geschehnisse und die sich wandelnden Situationen sind gut geschrieben.

Die Beschreibungen des Freundes und der eigenen Gefühl sind einfühlsam, bleiben aber schemenhaft, bis klar wird: Alles nur ein (Alp) Traum. Die starken Bande der Freundschaft sind aber nach fünf Jahren immer noch vorhanden und der Verlust ist, wenn auch nicht explizit ausgesprochen, spürbar groß.

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