Architektenteam erhält Deutschen Städtebaupreis, Sonderpeis Altstadt Hochheim am Main

(sh) Als ein junges Architektenteam, bestehend aus drei Männern und einer Frau, Mitte der 1970er Jahre antrat, um historische Bausubstanz zu erhalten, anstatt sie abzureißen und durch gesichtslose Neubauten zu ersetzen, ahnte noch niemand, dass sie 40 Jahre später nicht nur in der Rhein-Main-Region, sondern in ganz Deutschland Akzente ihrer Arbeit gesetzt haben, die immer wieder mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden.

Deutschen Städebaupreis, Sonderpreis Altstadt Hochheim am Main
Rund 30 Kommunen haben sie betreut, darunter Ortenberg, Büdingen, Schlitz, Bingen oder Ingelheim. Nun haben Dipl. Ing. Reinhold Hytrek, Prof Dipl.Ing. Horst Thomas sowie bei beiden Dipl. Ing. Adelgard und Herbert Weyell erneut einen Preis erhalten, der ihre Arbeit für die Wein- und Sektstadt Hochheim am Main würdigt. Sie wurden mit dem Deutschen Städebaupreis, Sonderpreis Altstadt Hochheim am Main, geehrt.

Gerne erinnert sich das Team, das all die Jahre zusammen geblieben ist, an die Anfänge in der Flörsheimer Altstadt, wo sie 1975 in die ehemalige Gaststätte „Zum Scharfen Eck“ einzogen und dort eine Sanierungs-Beratungsstelle eröffneten. Ihr Ziel: Die Menschen in der Altstadt davon zu überzeugen, in die teilweise marode Bausubstanz ihrer Häuser zu investieren und die historischen Gebäude zu erhalten, statt abzureißen.

Nachdem die Stadt mit einigen Pilotprojekten wie dem Gasthaus „Zum Hirsch“ und dem Gasthaus „Zum Scharfen Eck“ vorangegangen war, überzeugte diese Arbeit immer mehr Bürger, zumal sie eine von der Stadt unbelastete, unabhängige Beratung bekamen.

Skepsis gegen die Langhaarigen
„Damals hat niemand gedacht, dass man mit Beratung Geld verdienen kann“, erinnert sich Reinhold Hytrek. Architekten wollten vor allem mit Bauen Geld verdienen. Und es gab anfangs Vorbehalte gegen die jungen, langhaarigen Leute, die angetreten waren, Altstädte zu retten. „Das alte Gelersch muss weg“, sei damals die vorherrschende Meinung gewesen, so Adelgard Weyell. „Es fiel den Menschen schwer zu akzeptieren, dass die Innenstädte ihren Wert haben. Adelgard Weyell erinnerte sich, wie schwierig das erste Jahr in Flörsheim war.  „Wir haben Kerzen gegossen, um uns finanziell über Wasser zu halten“. Dass ihr Weg richtig war, daran haben sie nie gezweifelt.

Hochheims Altstadt sollte weichen
Zur gleichen Zeit gab es in Hochheim Pläne, nahezu die komplette Innenstadt abzureißen, neue Gebäude mit Flachdächern zu errichten sowie breite Straßen und große Parkplätze anzulegen. Bewohner der Altstadt protestierten heftig gegen diese Pläne. Bei der anstehenden Kommunalwahl änderten sich die Mehrheitsverhältnisse im Rathaus.

Der neu gewählte Bürgermeister Gottfried Gensch lud die Flörsheimer Planergruppe zu einem Gespräch und bat sie, auch in der Hochheimer Altstadt aktiv zu werden. Wie schon in Flörsheim, wurde auch in der Hochheimer Altstadt eine Sanierungs-beratungsstelle eröffnet. Unter Mithilfe der Denkmalpflege erstellte das vierköpfige Team einen Rahmenplanung.

Neben den bescheidenen Sanierungszuschüssen der Stadt standen nun auch Mittel aus anderen Töpfen zur Verfügung, die gezielt an die Hauseigentümer verteilt wurden. Wie schon in Flörsheim, entstanden auch in Hochheim beispielhafte Pilotprojekte wie das alte Küsterhaus oder der Hochheimer Hof, die Anreize für weitere Sanierungsmaßnahmen gaben.

1. Städtebaupreis an die Architekten 1983
1983 erhielt die Planergruppe dafür den Deutschen Städtebaupreis für „die Initiativplanung zur Regeneration der Altstadt sowie die bisher verwirklichten Erneuerungsmaßnahmen“. Dank dieses Preises wurde die Stadt Hochheim in das Förderprogramm „Einfache Stadterneuerung“ aufgenommen.

Die Planergruppe beschreibt ihre damalige Intention wie folgt: „Unser Anliegen war die Nutzung der Potenziale aus Geschichte, gewachsener Stadtstruktur, Einrichtungen, Gebäude, Materialien und Landschaft“.

Glücklicherweise kein Drosselgasseneffekt
Wenn Reinhold Hytrek, Horst Thomas sowie Adelgard und Herbert Weyell heute durch die Hochheimer Altstadt gehen, schauen sie zufrieden auf die von ihnen maßgeblich angestoßene Arbeit. Die Altstadt sei ein zentraler Ort wo man sich treffe und einkaufe und auch bei Touristen beliebt.

Eine Monostruktur, den das Team als „Drosselgasseneffekt“ bezeichnet, mit übermäßiger Steigerung der Immobilienpreise und der Mieten und damit einhergehend der Vertreibung der einheimischen Bevölkerung, konnte vermieden werden.

Statt breite Straßen zu bauen, wird der Verkehr heute durch ein Einbahnstraßensystem durch die verkehrsberuhigte Altstadt geführt.

Die Arbeit ist noch lange nicht beendet
Adelgard Weyell sieht die Arbeit für eine lebenswerte Innenstadt noch lange nicht als beendet an. Heute stelle sich die Herausforderung, die Mobilitätsfrage zu klären. „Es gibt mehr als nur Autos“ sagt sie im Hinblick auf die vor allem in den Abendstunden mit parkenden Fahrzeugen verstopfte Altstadt. Bürgermeister Dirk Westedt warnt unterdessen vor einer zu hohen Verdichtung in der Innenstadt, was die Verkehrsproblematik weiter verschärfen würde. Und auf keinen Fall sollten weitere Hochhäuser gebaut werden, wie sie in Hochheim an den Stadteingängen stehen.

Sympathiewelle für die Hochheimer Leuchten
Dr. Franz-Werner Michel, seit Jahrzehnten in der Hochheimer Kommunalpolitik aktiv und Inhaber eines Weingutes, erinnert sich, wie es damals einen Zuschuss von 20 D-Mark pro Quadratmeter für die Freilegung von Fachwerk gab. Die „Hochheimer Leuchte“, eine Straßenlaterne, die inzwischen auch andere Städte ziert, wurde kreiert „Das hat Sympathiewellen ausgelöst. Die Leute waren stolz darauf, ihre Häuser zu sanieren“. Heute sind sie stolz darauf, damals den Abrissbaggern widerstanden und die alte Bausubstanz erhalten zu haben

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